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Zeitzeuge Sally Perel erzählte sein bewegtes Leben

Das verbrecherische Denken und Handeln der Nazis ist ein Stoff, der im Laufe eines Schülerlebens viele Unterrichtsstunden füllt. Emotionale Betroffenheit und Anschaulichkeit bleiben dabei oft auf der Strecke. Sally Perel, Jahrgang 1925, bot am 26.11. reichlich davon. Er schaffte es, über 300 Schüler der Klassen 10-12 im Kurt-Hirschfeld-Forum mit seinen bewegenden Erinnerungen zu faszinieren.

Die Lebensgeschichte des Israeli wurde bereits unter dem Titel „Hitlerjunge Salomon“ verfilmt. Jetzt hat der brillante und humorvolle Erzähler Perel unter dem gleichen Titel seine Autobiographie veröffentlicht. Die wichtigsten Stationen seines Lebens: zehn glückliche Kindheitsjahre in Peine, Flucht vor den Nazis nach Lodz, erneute Flucht nach Ostpolen zu Beginn des Kriegs. Auch dort überrollte ihn der deutsche Vormarsch, doch sein Überlebensinstinkt trieb Perel in eine Lüge, sodass er die letzten Jahre der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft als Hitlerjunge überlebte.

Im Laufe jener Jahre starb Perel wohl alle seelischen Tode, die dem Rassenwahn der Nazis millionenfach folgten: Erniedrigung, Entwurzelung, Verlust der Familie, permanente Todesangst, Zerrissenheit der Seele und Verleugnung der eigenen Identität. Alles Gründe für tiefe Verbitterung und Hass auf die Deutschen, doch davon zeigt Perel keine Spur: „Hitler konnte es mir trotz Auschwitz nicht verbieten, mich als Deutscher zu fühlen.“ Die Feststellung, die Verbrechen des Nationalsozialismus seien der Selbstmord der deutschen Kultur gewesen, traf er nicht ohne Bedauern.

Die Schüler der Klassen 10-12 zeigten sich tief beeindruckt von Perels Menschlichkeit. „Ich fand ihn auf Anhieb sympathisch – von weitem sah er wie ein knuffiger Teddybär aus“, sagt Rachel Brandt aus der 10e. „Ich habe mir ein paar Tränen verdrückt, als er sein Leben erzählte“, gestand Klassenkameradin Glenda Checya Sinti. Nina Knapp war zunächst skeptisch. „Ich war sehr gespannt darauf zu hören, mit welcher Begründung er seine Religion verleugnen konnte.“ Perels Antwort überzeugte sie. „Meine Mutter hatte mir mit den Worten „Du sollst leben“ zur Flucht aus dem jüdischen Ghetto in Lodz verholfen. An diese drei Worte habe ich immer gedacht“, erläuterte Perel. „Sie wusste, sie würde mich nie wiedersehen.“

Die Aufmerksamkeit der Gymnasiasten erreichte ihren Höhepunkt, als Perel mit großer Ehrlichkeit von seiner Zeit als jugendlicher Nazi berichtete. „Ich habe die Hakenkreuze auf meiner Uniform verinnerlicht und wurde ein begeisterter Hitlerjunge.“ Selbst die Satanisierung der Juden ließ ihn nicht grundlegend zweifeln. „Ich habe nie kleine Hörner auf meiner Stirn gesehen, auch wenn ich stundenlang in den Spiegel schaute.“

In großer Gefahr befand er sich nur, wenn ihn die Kameraden nackt sahen. „Die Entdeckung meiner Beschneidung hätte den Tod bedeutet.“ Die nationalsozialistische Lehre von der Überlegenheit der arischen Rassse habe wie ein Gift gewirkt, Tröpfchen für Tröpfchen. „Selbst heute bin ich die Nazi-Ideologie noch nicht ganz wieder los.“

Perel beendete seinen Vortrag mit einem bewegenden Auftrag an die jugendlichen Zuhörer. „Ich bin einer der letzten lebenden Zeitzeugen der beispiellosen Nazi-Verbrechen. Ab heute seid ihr die neuen Zeitzeugen.“ Die heutige Generation träfe keine Schuld mehr, aber sie habe die Aufgabe, die Erinnerung an Auschwitz wachzuhalten. „Wer sagt, diese Wahrheit sei eine Lüge, ist ein Verbrecher“, betonte Perel. Er warnte vor den jungen Nazis, die heute wieder marschierten. „Ich finde das unbegreiflich.“

Am Ende gab es minutenlangen Applaus. Schülersprecher Faruk Sengel und Geschichtslehrer Nikolaus Meuer drückten ihren Dank an den Gast aus. Eine lange Schlange von Schülern wartete anschließend darauf, dass Perel seine Autobiographie signierte.

 

 

Auf Wunsch schrieb Perel auch eine persönliche Widmung in jedes Buch, dass die Schüler im Foyer gekauft hatten. Kristina Erhardt (Q2) freute sich über ihr handsigniertes Buch.