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Ehemaliger Schüler und bekannter Journalist gestorben

„Wie leben Sie denn so ohne Politik?“, fragt der Journalist. „Ich lebe doch nicht ohne Politik“, gibt, geradezu entrüstet, der Ruheständler zurück. Dabei handelt es sich um Kurt Biedenkopf, der längst nicht mehr Sachsens Landesvater ist, als dieses Gespräch stattfindet. Das hat Jürgen Leinemann in seinem Buch „Höhenrausch“ festgehalten. Darin beschreibt er, wie Macht zum Rausch und Rausch zur Sucht und Sucht zu Realitätsverlust führt – nicht nur bei Politikern, auch bei manchen Reportern, die ihnen nahe sind. Leinemann hat diesen Höhenrausch wie viele Journalisten aus der Nähe und wie nur ganz wenige über viele Jahrzehnte hinweg erlebt. Er hat Gerhard Schröder und Joschka Fischer porträtiert, Hans-Dietrich Genscher soll ihn jahrelang nicht gegrüßt, Helmut Kohl ihn nicht bei Auslandsreisen mitgenommen haben. Doch Journalisten kennen die Erfahrung, dass Spitzenpolitiker in einem Lokal gezielt an ihnen vorbei und auf einen Tisch zustreben – an dem Jürgen Leinemann sitzt. Er habe dabei „die klammheimliche Lust des Mitwissers genossen“, soll er einmal zu seiner Arbeit gesagt haben. Klar, Leinemann repräsentierte als Reporter des „Spiegel“ und später als Leiter des Hauptstadtbüros in Berlin selbst mediale Macht. Aber einem Rausch ist er dabei nicht verfallen. Er wurde kein großer Welterklärer, sondern blieb ein eher bescheidener Beobachter, ruhig, konzentriert und offen auch gegenüber jungen Kollegen. Und das vielleicht sogar besonders, wenn er merkte, dass die aus der Region Hannover stammten – wie er selbst. Hier hat er Zeitung zu lesen, sich für Politik zu interessieren begonnen, hier – genauer: in Lehrte – hat er Abitur gemacht. Nach dem Literatur-, Geschichts- und Philosophiestudium ging er für die Deutsche Presse-Agentur erst nach Bonn, dann nach Washington, wechselte zum „Spiegel“ und beobachtete – in Bonn, später in Berlin – die Mächtigen. Dabei hat er stets die Grenze zwischen Mächtigen und Machtbeobachtern im Blick behalten, die der zehn Jahre ältere Kollege Hanns-Joachim Friedrichs in seinem Buch „Journalistenleben“ markiert hat: „Journalisten sind dabei, aber sie gehören nicht dazu.“ Leinemann hat mehr Bücher geschrieben als Friedrichs. Biografien über Politiker, aber auch über die Fußball-Ikone Sepp Herberger. Und zuletzt „Das Leben ist der Ernstfall“ über die Krebserkrankung, der er jetzt im Alter von 76 Jahren erlegen ist. „Habe ich den Sinn meines Lebens gefunden? Gesucht und gezweifelt habe ich genug in den Monaten meiner Not“, schreibt er da und setzt, geradezu existentialistisch, auf den souveränen Selbstentwurf: „Sinn muss ich meinem Leben selbst geben – durch eigenes Nachdenken darüber, wofür ich leben will.“  / HAZ, Seite 4 Ressort: KULT, 12.11.2013