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Berlin-Fahrten des 11.und 12. Jahrgangs

Erstmalig, einer langen Tradition folgend und gleichsam ein Novum für die weitere Planung, fuhren in diesem Jahr zwei Jahrgänge des Gymnasiums Lehrte im Rahmen des Politik- sowie Geschichtsunterrichts nach Berlin; zunächst der Jahrgang 11, dem folgte sodann der Jahrgang 12 – insgesamt waren somit fast 250 Schüler, nebst elf Lehrerkräften als Begleitpersonen, an der Studienfahrt beteiligt. Beide Jahrgänge absolvierten ein fast identisches Programm in der deutschen Metropole; insofern erläutert hier ein Schülerbericht aus dem Jahrgang 11 den ereignisreichen Studienaufenthalt.

Nach den zweijährigen Corona-Einschränkungen konnte (zunächst) der 11. Jahrgang des Gymnasiums Lehrte endlich mit politischem und historischem Hintergrundwissen aus dem Schulalltag wieder die Fahrt nach Berlin antreten. Die Berlin-Fahrt erstreckte sich vom 06.11. bis zum 09.11.22 und ist seit 2008 ein beliebter Exkurs, der von unseren Lehrern Herrn Dr. Grobmann sowie Herrn Jäger geplant und vorbereitet wird. Die lehrreiche Fahrt wurde wie immer von Herrn Grobmann selbst sowie sechs weiteren LehrerInnen – Frau Hasenjäger, Frau Witt, Herrn Bien, Herrn Vahl, Herrn Fasterding als auch Herrn Kiermeier – begleitet (Herr Jäger, Herr Nolte, Herr Meurer als auch Herr Bauer folgten mit dem 12. Jahrgang, der vom 9.11.-11.11.22 in Berlin weilte).

Der hochmotivierte Jahrgang 11 traf sich also am Sonntag, den 06.11., um ca. 08:30 Uhr, um mit drei Reisebussen die Exkursion nach Berlin anzutreten. Die dreistündige Fahrt kam uns mit solch einer tollen Truppe gleichsam viel kürzer vor, weshalb wir im Handumdrehen bereits in Berlin waren. Um auch keinen der angesetzten Programmpunkte verpassen zu müssen, ließen wir direkt nach Ankunft in der Jugendherberge Wannsee unser Gepäck in der Tiefgarage stehen und fuhren mit der S-Bahn Richtung Innenstadt. Der erste Programmpunkt bestand in dem Besuch des Tränenpalastes, den wir zunächst mit zwei Klassen (ca. 50 Personen) um ca. 14 Uhr betreten konnten. Im Tränenpalast findet die Ausstellung „Ort der deutschen Teilung“ statt, die zeigt, wie sich die Gründung der beiden deutschen Teilstaaten sowie der Mauerbau ereigneten; wie z.B. die Zoll- und Passkontrollen abliefen und wie der Grenzübergang in der Friedrichstraße überhaupt funktionierte. Der sog. Tränenpalast erhielt seinen ‚tiefgründigen‘ Namen, weil hier die DDR-Bürger ihre Verwandten und Besucher aus Westdeutschland oft unter Tränen verabschiedeten, so berichtete uns eine Mitarbeiterin. Vor Ort erhielten wir eine interessante und erlebnisreiche Führung über das grausame und einschüchternde Aus- und Einreiseverfahren, das die Westberliner, die ihre Freunde und Verwandten in der DDR besuchen wollten, erfuhren. Solch ein Verfahren durften wir am eigenen Leib miterleben, als wir durch die Original-Passkontrollkabine hindurch gingen und die persönlichen Geschichten von Zeitzeugen in Form von Briefen, Gegenständen und kleinen Filmausschnitten betrachten konnten. Ich persönlich hatte während des Vortrags ein unbehagliches und beklemmendes Gefühl und habe mitunter auch Gänsehaut bekommen. Nach dieser Führung hatten wir Freizeit und damit auch die Gelegenheit, Berlin in kleinen Grüppchen zu erleben, womit unser Tag dann auch schön ausgeklungen war.

Am nächsten Tag besuchten wir wissensdurstig und gespannt das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Zunächst mussten wir allerdings, da der gesamte Verkehr wegen Bauarbeiten um den Alex herum gesperrt war, eine neue Route nach Hohenschönhausen finden, die schließlich mithilfe einer hochmotivierten Schülerin – und dem Google-Dienst – uns sicher ans Ziel führte. Erneut wurden wir in mehrere kleine Grüppchen eingeteilt und erhielten jeweils einen 90-minütigen Vortrag – nebst Rundgang durch die Gefängnisanlage – von einem Zeitzeugen, der damals selbst in diesem Gefängnis inhaftiert worden war; dort befand sich nämlich damals die zentrale Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR im Bezirk Lichtenberg. Unser Zeitzeuge Karl Heinz Richter berichtete uns von seinen Erlebnissen, also von der psychischen und physischen Folter, die er dort aushalten musste und wie er sie dennoch überlebte. Er war jedoch nur einer von ca. 7000 anderen Gefangenen. Herr Richters Geschichte hat mich besonders bewegt und eine große Bewunderung in mir ausgelöst, als er davon berichtete, wie er damals 17 Bekannten über die Grenze nach Westberlin verhalf. Bei seinem eigenen Fluchtversuch wurde er allerdings gefangen genommen und brach sich bei einem Fall aus 7m Höhe beide Beine und einen Arm. Vor Ort wurde ihm als einziger Häftling die medizinische Hilfe verweigert und er war gezwungen wie alle anderen Gefangenen, unter menschenunwürdigen Bedingungen zu leben. Als wäre dieser Teil seiner Lebensgeschichte nicht schon traurig genug gewesen, erläuterte er darüber hinaus sehr einfühlsam und bewegend die Geschichte von seiner Frau und seiner Tochter. Seine Erzählung war so rührend und es hat uns so sehr mitgenommen, dass einige aus unserer Klasse sogar Tränen vergossen haben. Die Familie Richter musste in der DDR viel Leid ertragen und dennoch steht er wieder an jenem verhängnisvollen Ort, seine Geschichte zu erzählen, damit wir für uns die Lehre daraus ziehen, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe. Das zeigt mir, was für ein Kämpfer er doch war und ist und, dass er unseren vollsten Respekt verdient, denn wie viel Standfestigkeit muss man aufbringen, einer viel jüngeren Generation von den eigenen qualvollen Erlebnissen zu berichten. Und ich kann mir nur schwer vorstellen, wie schlimm es gewesen sein muss, in dieser Zeit gelebt zu haben und der Willkür der SED (als Gefangener im Jahr 1968) ausgesetzt gewesen zu sein. Dieser Lebensbericht und der direkte Bezug vor Ort gab dem ganzen Erlebnis eine ganz andere Perspektive, als wenn wir diesen Vortrag beispielsweise nur im Klassenraum gehört hätten. Ich glaube, diese lehrreiche Führung war eine sehr wichtige Erfahrung, die uns oder aber zumindest mich, sehr aufgewühlt und geprägt hat.

Im Anschluss an diese Führung mussten wir uns erneut beeilen. Im Bundesrat, mit einer leichten Verspätung angekommen, bekamen wir ebenfalls eine Führung und wurden über die Aufgaben des Bundesrats belehrt. Danach nahmen wir an einem Planspiel teil, in dem der Ablauf bzw. die Vorgehensweise bei einem Gesetzes-Beschluss simuliert wurde. Als Vertreter der 16 Bundesländer durften wir über die Frage diskutieren, ob es nach Abschluss der Ausbildung ein soziales Pflichtjahr geben sollte, ähnlich zum damaligen Zivildienst. Diese Frage durften wir in unseren jeweiligen Gruppen ausarbeiten und uns dann gegenseitig vorstellen.

Anschließend machten wir uns auf dem Weg zum Brandenburger Tor, wo wir, der komplette 11. Jahrgang und die LehrerInnen ein wunderschönes Gruppenfoto schossen, bevor wir dann wieder Freizeit bekamen.

Der Dienstag begann wie der Montag – ähnlich früh, doch an jenem Morgen machte uns die frühe Aufstehzeit absolut nichts mehr aus. Da Pünktlichkeit bei uns äußerst wichtig war, war es auch nicht schwer, rechtzeitig im Bundestag anzukommen. Wir hörten von einem Mitarbeiter des Öffentlichkeitsdienstes des Bundestages einen interessanten Vortrag zur Geschichte des Bundestagsgebäudes, nachdem wir auf der Zuschauertribüne des Plenarsaals Platz genommen hatten. Es war eine spannende Erfahrung vor Ort zu sitzen und die Atmosphäre zu spüren, mit dem Bewusstsein, dass hier die wichtigsten Entscheidungen des Landes diskutiert und entschieden werden.

Nach dem Vortrag wurden wir wieder in zwei Gruppen aufgeteilt und bekamen die Gelegenheit, eine Diskussionsrunde mit zwei Bundestagsabgeordneten, einem Mitglied des CDU Bundesvorstands, Herrn Tilman Kuban als auch dem Sprecher der Parlamentarischen Linken und Vorsitzenden der SPD für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Herrn Dr. Matthias Miersch, zu führen. Meine Gruppe unterhielt sich mit dem Abgeordneten Herrn Dr.Miersch und durfte ihm einige Fragen zu allgemeinen Themen oder zur aktuellen Politik stellen. Der Gang auf die Kuppel des Reichstags rundete mit einer tollen Sicht über Berlin unseren Tag ab.

Schnell brach auch schon der letzte Tag an, am Mittwoch, den 09.11.2022, also genau 33 Jahre nach dem Mauerfall, besuchten wir einen der letzten verbliebenen Teile der Berliner Mauer, in der Bernauer Straße, die damals West- von Ostberlin trennte. Von einer Aussichtsplattform aus konnten wir auf einen gesamten ehemaligen Grenzbereich schauen, was ich ebenfalls als interessant empfand.

Das war dann auch der letzte Programmpunkt auf unserer Liste; um ca. 14:00 Uhr traten wir schließlich unsere Heimreise an. Mit vielen neue und interessanten Informationen ausgerüstet und einem stärkeren Bewusstsein für die deutsche Geschichte fuhren wir mit unseren Reisebussen zurück nach Lehrte. (Jazieh Majid)

Hier folgen das Gruppenbild des Jahrgangs Q1 und auch weitere Impressionen!